Blended Travel: Wenn aus der Dienstreise plötzlich zwei Tage Urlaub werden
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Freitagnachmittag, Barcelona. Die Teilnehmerin einer dreitägigen Fachkonferenz schließt ihren Laptop, checkt aber nicht aus. Statt zum Flughafen fährt sie an die Küste, verlängert um zwei Nächte, schlendert durch die Gassen des Barri Gòtic und postet am Sonntagabend ein Foto mit dem Kommentar "bester Business-Trip seit Langem". Am Montag sitzt sie wieder im Büro, ihr Arbeitgeber hat für Anreise und Hotel während der Konferenz bezahlt, den Rest hat sie selbst übernommen. Für sie war das einfach ein guter Trip. Für ihr Unternehmen war es, ohne dass es das wusste, ein Blended-Travel-Fall mit allem, was dazugehört, nämlich Reiserichtlinie, Kostenabgrenzung und im Zweifel sogar Sozialversicherungsfragen.
Genau diese Szene spielt sich in Deutschland gerade tausendfach ab, und die Branche hat inzwischen Zahlen dazu. Erst am 14. und 15. Juli 2026 trafen sich Expertinnen und Experten aus Geschäftsreise- und MICE-Branche in Frankfurt zum ersten Blended Travel Summit unter dem Motto "Blend It or Leave It". Nur kurze Zeit zuvor veröffentlichte das Bayerische Zentrum für Tourismus (BZT) gemeinsam mit dem German Convention Bureau (GCB) und dem Verband Deutsches Reisemanagement (VDR) eine der bislang größten deutschen Studien zum Thema Bleisure-Reisen deutscher Geschäftsreisender. Zeit, genauer hinzuschauen, was Blended Travel für Unternehmen und speziell für MICE-Verantwortliche bedeutet.
Was ist Blended Travel eigentlich und was ist es auch nicht?
Blended Travel ist der Oberbegriff für alle Reiseformen, bei denen sich beruflicher und privater Anteil vermischen. Darunter fallen:
- Bleisure (bestehend aus "Business" und "Leisure"): die Geschäftsreise wird um private Tage verlängert, meist direkt vor Ort im Anschluss an den Termin.
- Workation: Mitarbeitende arbeiten zeitweise von einem Urlaubsort aus, oft im europäischen Ausland.
- Co-Workation: die Workation wird gemeinsam mit Partnerin, Partner oder Familie verbracht.
Interessant ist, dass selbst die internationale Fachwelt inzwischen umschwenkt. Selbst die Global Business Travel Association (GBTA), über Jahre der Namensgeber des Begriffs 'Bleisure', spricht inzwischen zunehmend von 'Blended Travel'. Ein Zeichen dafür, dass es sich nicht mehr um einen Nischentrend handelt, sondern um eine dauerhafte Veränderung der Geschäftsreisekultur.
Die Zahlen: Vom Trend zum Mainstream
Wer noch glaubt, Blended Travel sei ein Phänomen für digitale Nomaden und Berufseinsteiger, wird von der aktuellen Datenlage überrascht.
Deutschland ist längst mittendrin:
- 67% der deutschen Geschäftsreisenden haben bereits Erfahrung mit Bleisure-Reisen
- Deutschland liegt weltweit auf Platz 3 der wichtigsten Zielmärkte für Bleisure-Reisen, direkt hinter den USA und Mexiko
- 44% aller Geschäftsreisenden verlängern ihre Dienstreise bereits für private Aktivitäten, jede fünfte Person nutzt bereits Workation
- Im Durchschnitt kommt jede Person auf 1,8 Bleisure-Reisen pro Jahr – in 78% der Fälle wird der private Teil direkt an den Geschäftstermin angehängt
Auf Unternehmensseite ist die Lage weniger eindeutig:
- 55% der deutschen Unternehmen beschäftigen sich aktuell mit Blended-Travel-Konzepten, zeigen dabei aber oft eine ambivalente Haltung, sichtbar in widersprüchlichen Reiserichtlinien
- 53% der Reisemanager tolerieren Bleisure, 39% fördern es sogar aktiv. Bei kleinen und mittleren Unternehmen sind die Werte deutlich niedriger: nur 29% akzeptieren Bleisure, 24% Workation.
Hier werden die Ergebnisse der Studie Bleisure-Reisen deutscher Geschäftsreisender kompakt vorgestellt:
Der VDR bringt das Dilemma auf den Punkt: Blended Travel "wird gelebt – aber selten gesteuert". Genau in dieser Lücke zwischen gelebter Praxis und fehlender Struktur liegt die eigentliche Aufgabe für Strategisches MICE Management.
Die MICE-Verbindung: Warum das Thema nicht bei Reisestellen endet
Für viele klingt Blended Travel zunächst nach einem Thema für Individualreisende. Tatsächlich ist es eng mit MICE-Events verzahnt, enger als man zunächst denkt.
Laut Marktanalysen entstehen 67 Prozent aller Bleisure-Trips aus Konferenzen und Meetings heraus. Wer heute ein Event plant, plant also faktisch mit, ob und wie Teilnehmende ihren Aufenthalt verlängern werden. Bei der Auswahl von MICE-Destinationen zählen seit jeher Erreichbarkeit, Infrastruktur und das Angebot vor Ort. Genau in diesem dritten Punkt steckt inzwischen ein neuer Aspekt, der bei der Standortwahl zunehmend mitgedacht wird, nämlich wie gut sich ein Ort auch für die Zeit nach dem offiziellen Programm eignet.
Ein Beispiel, wie es in der Praxis aussehen könnte:
Stellen wir uns ein mittelständisches Softwareunternehmen vor, das seine jährliche Kick-off-Konferenz für 120 Vertriebsmitarbeitende in Salzburg ausrichtet. Die Personalabteilung merkt: Rund ein Drittel der Teilnehmenden fragt im Vorfeld an, ob sie auf eigene Kosten ein oder zwei Nächte verlängern dürfen. Ohne klare Richtlinie entstehen 40 individuelle Abstimmungen zwischen Führungskraft, Reisestelle und Personalabteilung. Mit einer Blended-Travel-Policy, die vorab in der MICE-Ausschreibung mitgedacht wurde, lässt sich das Kontingent beim Hotel direkt mit flexiblen Verlängerungsoptionen buchen, die Kostenabgrenzung ist von Anfang an klar geregelt, und die Reisestelle muss nicht bei jeder Anfrage neu improvisieren. Das Unternehmen spart Verwaltungsaufwand, die Mitarbeitenden bekommen die Flexibilität, die sie erwarten, und aus der reinen Kick-off-Konferenz wird nebenbei ein kleiner Beitrag zur Mitarbeiterbindung.
So oder in ähnlicher Form spielt sich das Thema aktuell in vielen Unternehmen ab, die MICE-Events organisieren, ganz unabhängig von der Branche.
Auch für Destinationen selbst lohnt sich der Blick auf Blended Travel. Wer als Geschäftsreisende oder Geschäftsreisender einen Ort mit Bleisure- oder Workation-Anteil erlebt hat, kehrt deutlich häufiger privat zurück (circa 64 Prozent) als der Durchschnitt aller Geschäftsreisenden (51 Prozent). Die Geschäftsreise wird damit häufig zum Erstkontakt mit einer Destination, nicht nur für die Reisenden, sondern auch für deren Familie und Freundeskreis.

Die Kehrseite: Warum "einfach mal machen" nicht reicht
So attraktiv der Trend ist, wer Blended Travel ohne klare Regeln laufen lässt, sammelt schnell Risiken an, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.
Besonders bei internationalen Workations wird es komplex. Ohne gültige A1-Bescheinigung riskieren Unternehmen eine doppelte Sozialversicherung und Nachforderungen des ausländischen Trägers, in Extremfällen kann durch wiederholte Auslandstätigkeit sogar eine steuerliche Betriebsstätte im Ausland entstehen. Arbeitsrechtlich gilt zudem, dass ein gesetzlicher Anspruch auf Workation nicht besteht, jede Auslandstätigkeit bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Arbeitgebers.
Zurück zu unserer Konferenz-Teilnehmerin aus Barcelona. Solange sie ihre Verlängerung als reine Freizeit verbringt, ohne dabei zu arbeiten, bleibt der Fall unkompliziert. Würde sie stattdessen von Portugal aus noch eine Woche remote weiterarbeiten, sähe die Sache anders aus. Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die sich auf Workation spezialisiert haben, empfehlen deshalb klare Leitplanken: eine maximale Dauer pro Aufenthalt (häufig empfohlen: 30 Tage) und pro Jahr (60 Tage), eine schriftliche Vereinbarung vor Reiseantritt und eine rechtzeitig beantragte A1-Bescheinigung.
Die gute Nachricht, genau das ist lösbar, sofern es von Anfang an mitgedacht wird, statt erst dann, wenn die erste Anfrage auf dem Tisch liegt.
Die Angebotslücke: Wer jetzt handelt, hat einen Vorteil
Ein Detail aus der aktuellen Studienlage lohnt einen zweiten Blick. Rund 60 Prozent aller Geschäftsreisenden gelten als Marktpotenzial für Bleisure, doch knapp 80 Prozent der Beherbergungsbetriebe haben bislang keine spezifischen Angebote für diese Zielgruppe. Es klafft also eine deutliche Lücke zwischen Nachfrage und Angebot, und die betrifft nicht nur Hotels und Destinationen, sondern genauso die Unternehmen selbst, die diese Nachfrage bislang oft nur verwalten, statt sie aktiv zu gestalten.
Für Unternehmen bedeutet das zweierlei. Zum einen ein internes Argument. Wer jetzt eine durchdachte Blended-Travel-Policy hat, differenziert sich bei der eigenen Belegschaft und gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern, für die Flexibilität längst ein Entscheidungskriterium ist. Gerade jüngere Zielgruppen wählen ihren Arbeitgeber zunehmend danach aus, ob Dienstreisen Raum für private Erholung lassen, ein Punkt, der im Wettbewerb um Fachkräfte inzwischen genauso zählt wie Gehalt oder Homeoffice-Regelungen.
Zum anderen ein externes Argument, das MICE-Verantwortliche direkt betrifft. Wer bei der Auswahl von Tagungshotels, Konferenzzentren oder Eventlocations gezielt nach Bleisure-tauglichen Angeboten fragt, verschafft dem eigenen Unternehmen einen Verhandlungsvorteil. Anbieter, die sich frühzeitig auf diese Zielgruppe einstellen, etwa mit flexiblen Verlängerungsoptionen, Late-Check-out-Regelungen oder Freizeitpaketen für Begleitpersonen, werden zu bevorzugten Partnern für Unternehmen, die Blended Travel ernst nehmen. Wer hier abwartet, überlässt diesen Vorteil der Konkurrenz, die längst begonnen hat, entsprechende Kriterien in ihre Ausschreibungen aufzunehmen.
Kurz gesagt, die Angebotslücke ist heute noch eine Chance. In ein oder zwei Jahren, wenn sich der Markt angepasst hat, wird sie nur noch Standard sein.
Fazit: Blended Travel gehört ins strategische MICE Management
Blended Travel ist kein Randthema für die Personalabteilung und schon gar kein Lifestyle-Trend, der von allein wieder verschwindet. Es ist ein struktureller Bestandteil moderner Geschäftsreise- und Event-Kultur, mit direkten Berührungspunkten zu jedem MICE-Event, das ein Unternehmen ausrichtet oder bucht. Genau deshalb gehört das Thema dort hin, wo Reiserichtlinien, Freigabeprozesse und Veranstaltungseinkauf ohnehin zusammenlaufen, ins Strategische MICE Management.
Wer Blended Travel von Anfang an in die Planung von Meetings, Incentives, Konferenzen und Ausschreibungen integriert, statt es Fall für Fall zu improvisieren, macht aus einer Grauzone einen klar geregelten, transparenten Prozess. Für MICE Portal ist das eine der Fragen, die im digitalen Veranstaltungseinkauf zunehmend mitgedacht werden müssen: nicht ob Mitarbeitende ihre Dienstreise verlängern, sondern wie ein Unternehmen dafür von Anfang an die richtige Struktur schafft.
Möchten Sie wissen, wie Sie Blended Travel von Anfang an sauber in Ihre Reiserichtlinie und Ihren MICE-Einkauf integrieren, statt jede Anfrage einzeln zu improvisieren? Sprechen Sie einfach mit Pia und erfahren Sie, wie Strategisches MICE Management aus einer Grauzone einen klar geregelten Prozess macht.
Die folgenden Studien und Fachquellen liegen diesem Artikel zugrunde. Wer tiefer einsteigen möchte, findet hier die Originaldaten und weiterführende Einordnungen.
- Bleisure-Reisen deutscher Geschäftsreisender – Studienergebnisse
- blend_it! – Plattform für Blended Travel von GCB und VDR
- Bleisure & Workation Monitor Deutschland, IU Internationale Hochschule
- VDR-Geschäftsreiseanalyse 2025
- MICE Tourism Market Report, Persistence Market Research
- Workation im Arbeitsrecht – Regeln, Risiken und Rechtstipps
- Workation – Rechtliche Fallstricke im Blick, Seitz & Partner